Verhaltenstipps Wildschweine
von Kai Sackmann (Sacki)

Wenn Du auf einer Outdoor-Tour durch den Wald wanderst, ist es nicht ausgeschlossen, dass Dir ein Wildschwein oder sogar eine ganze Wildschwein-Rotte begegnet. Grundsätzlich sind Wildschweine recht scheue Fluchttiere. Sie sind nicht aggressiv und es geht keine besondere Gefahr von ihnen aus. Unter gewissen Umständen könnte das Schwarzwild jedoch auch einmal gefährlich werden.

Wildschweine können nicht besonders gut sehen, besitzen aber einen hervorragenden Geruchssinn. Meist haben sie Dich schon wahrgenommen, bevor Du sie überhaupt zu Gesicht bekommst. Dann flüchten sie recht schnell vor Dir, um einer Begegnung direkt aus dem Weg zu gehen. Sie haben Angst vor dem Menschen und daher sind Begegnungen also recht unwahrscheinlich.

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Wenn Du auf ein einzelnes Tier stößt, handelt es sich zumeist um ein männliches Wildschwein, dass unaufmerksam war oder es konnte dich nicht wittern, da Du Dich ihm gegen den Wind genähert hast. Nicht selten steht man sich mit dem Tier dann Auge in Auge gegenüber und schaut sich auf einige Entfernung kurz an, bevor der Keiler dann recht schnell in die entgegengesetzte Richtung flüchtet. Wirklich gefährlich wäre ein solches Wildschwein nur, wenn es sich um ein angeschossenes Tier handeln würde oder um ein Wildschwein, dass in die Enge getrieben wurde. Wenn das Tier dann keine Fluchtmöglichkeit mehr sieht, kann es tatsächlich sehr gefährlich werden. Die Keiler verfügen über große und spitze Eckzähne, die sie sehr wehrhaft machen. Mit diesen kann Dir ein Keiler schwerste Verletzungen zufügen.

Eine größere Gefahr können weibliche Wildschweine (Bachen) darstellen, welche Jungtiere bei sich haben. Wildschweine besitzen eine ausgeprägte Familienstruktur und die Bachen kümmern sich ausgiebig um ihre Frischlinge. Solange Du Abstand zu den Tieren hältst, werden Bachen nicht angreifen. Auch sie werden mit ihrem Nachwuchs immer schnellstmöglich das Weite suchen. Sie könnten jedoch angreifen, wenn Du ihnen den einzigen Fluchtweg abschneidest oder wenn Du direkt zwischen eine Bache und ihre Frischlinge gerätst.

Ein Angriff ist also
höchst unwahrscheinlich. Eine Ausnahme davon sind die ersten Tage direkt nach dem Wurf. Die Bache hält sich mit ihrem Nachwuchs etwa 1 bis 3 Wochen lang in ihrem Wurfkessel auf, damit die Jungtiere soweit zu Kräften kommen können, um später auch mit der Rotte mithalten zu können. Kommst Du in dieser Zeit in die Nähe eines solchen Wildschein-Nestes, kann es passieren, dass Dich die Bache angreift. Sie würde ihre Jungen mit ihrem Leben verteidigen. Vor einem Angriff macht sich die Bache jedoch durch lautes Schnauben und Blasen bemerkbar. Wenn Du so etwas im dichten Unterholz wahrnimmst, solltest Du Dich unbedingt zurückzuziehen.

Weibliche Tiere verfügen nicht über solch ausgeprägte Eckzähne, wie sie die Keiler besitzen und neigen daher eher zum Beißen. Diese Muttertiere gelten jedoch als die wehrhaftesten Tiere des deutschen Waldes. Jungtiere kommen in Mitteleuropa hauptsächlich in der Zeit von März bis April zur Welt. Somit hält sich die Bache mit ihren Jungtieren also bis in den Mai hinein im Wurfkessel auf. Aufgrund von sehr milden Wintern und einem Futter-Überangebot, durch die Feldfrüchten auf unseren Feldern, können Junge aber auch einmal ausserhalb dieser Zeiten zur Welt kommen. Daher sollte man im Frühjahr dicht gewachsene Jungwald-Bereiche immer meiden.
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Hundehalter:
Bist Du mit einem gut erzogenen Hund unterwegs, muss dieser nicht zwingend angeleint werden. Ansonsten empfiehlt sich die Verwendung einer Schleppleine. Trifft man zusammen mit einem Hund auf einen belegten Wildschwein-Kessel, wird zumeist der Hund zuerst angegriffen. An einer sehr kurzen Leine könnte der Hund nicht ausweichen, würde dadurch unnötig gefährdet und dadurch dann eventuell schwer verletzt. Hund und Mensch sollten sich frei bewegen können. Problematisch wäre es, wenn der Hund einem flüchtenden Wildschwein nachsetzen würde. Wildschweine zeigen zwar meistens ein Fluchtverhalten wenn sie gejagt werden, dieses könnte jedoch auch einmal in ein Verteidigungsverhalten umschlagen.

Wildschweine sind tag- und nachtaktiv, bei uns in Mitteleuropa aber eher in der Dunkelheit unterwegs. Wenn Du in Deinem Nachtlager liegst, können ihre schnaubenden Geräusche sehr bedrohlich wirken. Aufgrund ihres Geruchssinns, werden sie Dich aber frühzeitig bemerken und einen großen Bogen um Dein Lager machen. Ich habe schon unzählige Nächte im Wald verbracht und nicht ein einziges Mal kamen Wildschweine an meinen Lagerplatz!

Begegnest Du einem Wildschwein, dann bleibe erst einmal stehen. Höchstwahrscheinlich wird sich das Tier relativ schnell in eine andere Richtung davonmachen. Wenn des zu einem
höchst unwahrscheinlichen Wildschwein-Angriff kommt, solltest Du etwas zwischen Dich und das Tier bringen (Baumstamm, Felsen…). Zumeist wird das Wildschwein nur eine einzelne, schnelle Attacke durchführen (Scheinangriff) und sich dann wieder entfernen. Kommt eine Wildschwein-Rotte auf Dich zu, ohne Dich zu bemerken, entferne Dich einfach in eine andere Richtung oder steig auf einen Baum, wenn dies möglich ist. Dabei wäre es hilfreich laut zu sein, also laut zu sprechen oder rufen.

Bei angeschossenen oder verletzten Tieren solltest Du Dich schnellstmöglich entfernen und auf einem Baum, Hochsitz o.ä. Schutz suchen. Diese Tiere verhalten sich verständlicherweise besonders aggressiv und stellen eine große Gefahr dar. Sie werden immer wieder angreifen. Dies gilt insbesondere auch für Wildunfälle mit einem Kraftfahrzeug. Hast Du ein Wildschwein angefahren, dann steige nicht aus, um nach ihm zu suchen, sondern bleibe zur Sicherheit im Auto sitzen und melde den Unfall an die Polizei. Sie kann einen Förster verständigen, der sich dem Problem annimmt.
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Verhaltenstipps bei Begegnungen:

- Stehen bleiben oder direkt in eine andere Richtung entfernen
- Im Nachtlager laut auf sich aufmerksam machen, die Tiere jedoch nicht anleuchten
- Niemals näher an die Tiere herangehen (besonders bei Bachen und Frischlingen)
- Tiere niemals in die Enge treiben oder ihnen den Fluchtweg abschneiden
- Bei Angriffen etwas zwischen sich und das Tier bringen (Baumstamm, Felsen…)
- Bei angeschossenen Tieren sofort auf einen Baum, Hochsitz o.ä. klettern
- Erkannten, in einem Kessel liegenden Tieren, nicht nähern
- Im Frühjahr (Frischlingszeit) dicht gewachsene Jungwald-Bereiche meiden


Die Wahrscheinlichkeit von einem Wildschwein angegriffen zu werden, tendiert gegen Null. Ein gutes Beispiel dafür sind auch Treib- oder Drückjagden, bei denen Treiber die Tiere aufschrecken und in die Richtung von Schützen treiben / drücken. Hier müsste es jedes Jahr zu unzähligen Wildschweinangriffe kommen, was jedoch nicht der Fall ist!