Leichtes Wandern & Ultraleicht-Wandern
von Kai Sackmann (Sacki)

Die bergige Mittelgebirgslandschaft ist grandios und auch das Wetter ist mal wieder auf meiner Seite. Perfekte Wanderverhältnisse könnte man sagen. Wenn da nicht diese 16 Kilogramm Gewicht auf meinem Rücken wären, die mir jetzt, am zweiten Tag meiner Tour, unbarmherzig in die Schultern schneiden. Am liebsten würde ich den Rucksack schon wieder von mir werfen und eine Pause machen, doch die letzte Rast ist gerade einmal 30 Minuten her und ich möchte natürlich meine Tagesetappe schaffen. Naja, heute Abend im Lager kann ich mich ja dann ausruhen, mich ausstrecken und die Gegend genießen - wenn es noch hell ist!

Könnte diese kleine Geschichte auch von Dir stammen, dann ist es vielleicht an der Zeit über eine Gewichtsreduzierung Deiner Ausrüstung nachzudenken, denn auch hier gilt „Weniger ist mehr“. Mit jedem Gramm weniger auf dem Rücken, fühlst Du Dich freier und kommst besser voran. Du schonst nicht nur Gelenke und Muskeln, sondern schaffst Dir sogar Ressourcen um schneller und weiter voranzukommen als bisher. Und das Wichtigste, Du intensivierst den Genuss Deiner Touren enorm.
Stacks Image 7
Was man gewinnt:

  • Es sind weitere Strecken möglich als bisher.
  • Schnelleres Vorankommen möglich.
  • Geringer Energieverbrauch durch kraftsparendes Wandern.
  • Es sind weniger Proviant und Wasser notwendig.
  • Einfachere und kürzere Regeneration erforderlich.
  • Schonung von Muskeln und Gelenken.
  • Erhöhung der Trittsicherheit in schwierigem Gelände.
  • Maximaler Genuss der gesamten Tour.
Aus diesen Gründen hat sich weltweit eine riesige Ultralight-Szene entwickelt, bei der die Gewichtsreduzierung der Ausrüstung eine sehr hohe Priorität einnimmt. Dabei teilt man grob in zwei Bereiche ein. Bei Ausrüstungsgewichten von unter 10 kg spricht man vom Leichtwandern und bei Ausrüstungsgewichten von unter 5 kg spricht man vom Ultraleichtwandern. Verbrauchsgüter, wie Proviant, Trinkwasser und Brennstoffe, werden hier jedoch nicht mit berücksichtigt. Nun muss ein gewichtsgeplagter Wanderer jedoch nicht gleich von heute auf morgen zum Ultralight-Freak mutieren. Eine Gewichtsreduzierung der Ausrüstung ist vielmehr ein steter Prozess, der sich über längere Zeit fortentwickelt.


Gewicht einsparen:

Die einfachste Art Gewicht loszuwerden, ist es den „Balast“ abzuwerfen. Welche Ausrüstungsteile hast Du in der Vergangenheit immer wieder bei Dir getragen, sie jedoch niemals wirklich eingesetzt. Die Dinge die Du gar nicht erst einpackst, erleichtern Deinen Rucksack, ohne das Du auch nur einen Cent dafür ausgeben müsstest.

Der zweite Schritt wäre es, die vorhandene Ausrüstung zu erleichtern. Kannst Du unnötige Teile an Deinem Equipment entfernen, ohne das diese jedoch ihre Funktion verlieren? Dazu solltest Du jeden Gegenstand in die Hand nehmen und ihn genau betrachten. Lass Dich jedoch nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen, die Du später bereuen würdest. Du musst Deine Ausrüstungsteile dazu nicht bescheiden, abfeilen oder kürzen. Extreme Grammjäger kürzen sogar ihre Streichhölzer um die Hälfte oder schneiden die kleinen, weißen Schildchen aus ihrer Kleidung. Und die abgesägte Zahnbürste hat sich weltweit sogar zu einem Symbol der Ultraleicht-Szene entwickelt, obwohl ihre Funktion dann schon deutlich eingeschränkt ist - probiere es ruhig mal aus. Vielmehr sind Dinge gemeint wie das Ersetzen eines Packsacks durch stabile Gummibänder und ähnliches.

Erst im dritten Schritt tauscht man schwere Ausrüstungsteile gegen leichtere aus. Brauchst Du wirklich ein Fahrtenmesser oder reicht Dir vielleicht auch ein kleines Taschenmesser aus. Muss es die große, schwere Taschenlampe sein oder genügt auch eine kleine Kopflampe. Wasser kann man auch in Kunststoff-Faltflaschen transportieren und das einfache BIC-Feuerzeug leistet treu seine Dienste, wenn es wasserdicht verpackt wurde. Apropos verpacken: Beutel, Packsäcke, Taschen, Behälter u.ä. gegen einfache Zip-Lock Beutel auszutauschen kann enorm viel ausmachen.


Die großen 4:

Am effektivsten spart man jedoch Gewicht bei den sogenannten „Großen 4“ ein: Rucksack, Zelt (bzw. Tarp), Schlafsack und Isomatte.
Beim Rucksack setzt der Ultralight-Trekker gerne auf Modelle ohne Tragesystem, denn dank des insgesamt geringeren Ausrüstungsgewichts, kann man gut auf ein ausgefeiltes Tragesystem verzichten. Die nötige Stabilität erreicht man durch optimiertes und durchdachtes Packen der Ausrüstung, was allerdings etwas Erfahrung voraussetzt. Als Beispiel stelle ich hier einen Rucksack mit 58 Litern Volumen vor, der jedoch nur 570 g auf die Waage bringt.
Für den Schlafkomfort auf Tour spielt neben dem Schlafsack auch die Isomatte eine wichtige Rolle, denn sie schützt uns vor der Bodenkälte. Für die wärmeren Jahreszeiten wird hier gerne auf äußerst leichte Schaumstoffmatten zurückgegriffen. Allerdings sind diese, aufgrund ihrer geringen Dicke, etwas unbequem und daher nicht jedermanns Sache. Glücklicherweise werden mittlerweile aber auch zahlreiche aufblasbare Isomatten angeboten, die ebenfalls ein nur sehr geringes Gewicht besitzen. Auf ihnen kann man die Nächte deutlich erholsamer verbringen. In der Ultralight-Szene beliebt sind besonders kurze Modelle, die nur Kopf, Schultern und Rumpf eine Liegefläche bieten. Die Beine werden dann auf den Rucksack oder ein Stück Evazote-Matte gelegt. Als Beispiel stelle ich hier eine aufblasbare Isomatte mit 183 cm Länge und nur 355 g Gewicht vor.
Beim ultraleichten Schlafsack kommt man zumeist nicht um ein hochwertiges Modell mit Daunenfüllung vorbei. Daunen besitzen ein sehr geringes Gewicht und isolieren hervorragend, solange sie nicht feucht werden. Hier kann man, je nach gewünschtem Einsatzzweck des Schlafsacks, auf ein Gewicht von deutlich unter 600 g kommen und trotzdem für Übernachtungen bis an den Gefrierpunkt heran gewappnet sein. Noch leichter sind Daunenquilts, die auf einen Teil der Rückenpartie verzichten, denn hier würde man die Isolationsschicht sowieso nur mit dem eigenen Körpergewicht platt drücken. Als Beispiel stelle ich hier ein Daunenquilt mit sehr gutem Isolations-Gewichts-Verhältnis vor (514 g / 4°C Komfort / 0°C Limit).
Bezüglich der Unterkunft muss man sich zwischen Zelt und Tarp entscheiden. Die größte Gewichtsersparnis ist natürlich mit einem leichten Tarp realisierbar, ein geschlossenes Zelt bietet dagegen einen besseren Witterungsschutz. Ersetzt man Zelt- / Tarpstangen dann noch durch die mitgeführten Trekkingstöcke oder durch Stöcke aus der Natur verliert man weiteres Gewicht. Angebrachte Spannschnüre werden durch besonders dünne, aber reißfeste ersetzt und auch bei den Zeltnägeln kann man viel einsparen. Hier ein Beispiel-Aufbau mit 308 g Tarp und entsprechendem Ultraleicht-Zubehör.
Die Gewichtsspirale:

Ab einem gewissen Rucksackgewicht wirst Du feststellen, dass Dir das Wandern plötzlich deutlich einfacher und sehr viel weniger anstrengend vorkommt. Ab diesem Zeitpunkt eröffnen sich Dir nun automatisch noch ganz andere Optionen, weiteres Gewicht einsparen zu können. Plötzlich verlieren zum Beispiel stabile, schwere Wanderstiefel ihren Sinn und Du kannst auf deutlich leichteres Schuhwerk umsteigen. Und auch das ist äußerst lohnend, denn man sagt, jedes eingesparte Gramm an den Füßen, entlastet den Rücken um weitere fünf Gramm.

Natürlich muss auch der Ultraleicht-Trekker die Ausrüstung auf seine Ansprüche, die jeweilige Tour und das Wetter anpassen, jedoch lassen sich durch ein paar Veränderungen tatsächlich enorme Erfolge erzielen.





Im Bergzeit-Magazin findest Du weitere Informationen zum Thema

Ultralight-Trekking - Ausrüstung & Tipps

bergzeit